Inge
11.11.2007, 07:13 |
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5-Sterne-Hotel in der Wildnis |
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Indian Summer am Pilot Mountain |
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Bären, Beeren, Pferdeäpfel
Abenteuer durch Eis, Schnee und Wildwasser lagen nun schon eine Weile hinter mir. Es wurde Zeit für ein neues! Durch glückliche Zufälle und Umstände stand dann eines Tages fest: Wir reiten durch die Yukonwildnis! “Seid Ihr verrückt geworden? Ihr seid doch noch nie auf einem Pferd geritten” war der Kommentar, den Horst und ich am meisten zu hören bekamen. Na und? Ich stand vorher auch noch nie auf Schlittenkufen und hatte auch noch nie eine Kanutour gemacht und war von beiden Abenteuertouren völlig begeistert zurückgekehrt. Warum sollte das diesmal anders sein? Was Horst betraf, schienen gewisse Zweifel eher angebracht, denn im Gegensatz zu mir hatte er bisher noch nie eine Wildnistour mitgemacht. Trotzdem ließen wir uns nicht beirren. Für uns hieß es: Auf ins Abenteuer!
Ingrid und Rolf, bei denen wir das Pferdeabenteuer erleben wollten, hatten uns zuvor den Rat gegeben, hier zuhause ein paar Reitstunden zu nehmen, damit wir nicht völlig ahnungslos auf die Vierbeiner treffen würden. Nachher waren wir froh, ihrem Rat gefolgt zu sein, denn besonders ich hatte das Reiten unterschätzt, weil ich dachte, wenn ich die Huskytour geschafft habe, würde das hier auch nicht schwieriger sein. Mit der ersten Reitstunde auf einem Reiterhof in unserer Nähe änderte ich meine Meinung.
AIDA hieß mein Pferd, mit dem ich zuhause meine ersten Reitversuche machte. Ich hatte meine Reitlehrerin darum gebeten, dass sie mir nicht so ein Riesentier geben sollte. Selbstverständlich, das wäre doch kein Problem, und im nächsten Moment stand ich vor der AIDA-Pferdebox und schluckte. Dass Pferde größer sind als Huskys war mir ja bekannt, aber wirklich sooo groß? In meinem Hirn ratterte nur ein Gedanke: Wie soll ich da rauf kommen, ohne dass der gesamte Pferdestall und das Personal vor Lachen am Boden liegen? Zu meiner Beruhigung gab es einen Stuhl im Reitstall. Ich hatte also nicht als Einzige das Problem. Erleichterung pur. Aber nur so lange, bis ich sah, wie hoch der Steigbügel letztendlich vom Sattel hing, also trotz Stuhl immer noch viel zu hoch. Ich hing nun da, linker Fuß im Steigbügel, rechter auf dem Stuhl, Schweiß stand mir auf der Stirn, und ich gluckste nur noch vor mich hin: “Ich komm da nicht drauf!” Antwort: “Doch, das schaffen Sie!” Schwung nehmen, rechtes Bein über das Pferd schwingen und oben sei ich. Ich sah mich voller Elan übers Pferd fliegen und auf der anderen Seite im hohen Bogen unsanft auf der Erde landen. Außerdem gab es nur einen ganz schmalen Griff am Sattel, an dem man sich festhalten konnte und ich hatte Angst, ich würde mit meinem Schwung das ganze Pferd umwerfen … Himmel! Wo war das nächste Mauseloch, in das ich mich am liebsten auf der Stelle verkrochen hätte?
Nach dem dritten Anlauf, nun schon voller Panik, saß ich auf einmal im Sattel. Erleichterung. Man, was war das hoch! Genickbruch wäre das Mindeste, was mir blühen würde. Noch stand der Vierbeiner ja brav auf der Stelle, aber wie um Himmels Willen sollte ich mich denn wo festhalten und vor allem oben bleiben, wenn der lostraben würde? Die nächsten Gedanken waren: Sofort die Pferdetour absagen, das kann man unmöglich überleben! Und dann noch in der Wildnis, wo es bergauf, bergab geht und womöglich noch an steilen Abhängen entlang. Minuten später trabte ich dann schon wesentlich lockerer an der Longe durch die Reithalle, fand sogar den Mut, den Griff am Sattel ganz loszulassen. Ich fand mich richtig klasse, auch wenn es mit der Haltung noch nicht stimmte. Dass so ein Hochgefühl nicht lange anhalten würde, hätte mir ja eigentlich spätestens zu diesem Zeitpunkt klar sein müssen. Jedenfalls kam die nette Dame am anderen Ende der Longe plötzlich auf die Idee, nun wäre es höchste Zeit, dass ich auch mal traben sollte, d.h., AIDA sollte traben und ich musste natürlich mit. Irgendwann hatte ich den Bogen raus, wann ich mich im Rhythmus des seichten Galopps in die Steigbügel stemmen und aus dem Sattel erheben und mich wieder setzen musste. Mittlerweile lief der Schweiß nur noch in Strömen, es war Anstrengung pur. Von wegen: In den Sattel setzen und los gehts! Aber von Runde zu Runde merkte ich, wie ich spürbar lockerer wurde. Es fing an, richtig Spaß zu machen, zumal ich auch immer mehr das Gefühl hatte, sicherer im Sattel zu werden. Einem beginnenden Übermut musste da natürlich sofort eine Grenze gesetzt werden. Also: Pferd anhalten, und nun ging es in der entgegen gesetzten Richtung im Kreis herum. Ich fand das sehr schwierig und verlor erst mal meine Sicherheit auf dem Pferd. Aber auch das ging irgendwann immer besser und auf einmal war die Reitstunde vorbei. Das Runterkommen war übrigens überhaupt kein Problem. Trotzdem hab ich mich eine Sekunde lang gefragt, wer von uns beiden wohl froher war, diese Stunde mit heiler Haut überstanden zu haben, das Pferd oder ich …
Wenige Wochen später standen wir dann auf der Ranch im Yukon …
1. TAG
(Inge)
Bei leicht bewölktem Himmel kamen wir am späten Vormittag auf der Pferderanch an und wurden dort stürmisch von den beiden Hunden Blacky und Frostbite (genannt Frosty) begrüßt. Rolf, der Boss der Ranch, schaute dem Schauspiel amüsiert zu und meinte nur: “Bei uns haben die Tiere das Sagen”. Wenig später kamen auch die beiden anderen Teilnehmer der Tour, Katja und Frank, und wir lernten auch Ingrid, den weiblichen Boss der Ranch und Franziska, unsere zweite Tourbegleiterin kennen. Im Gegensatz zu uns brachten Katja und Frank schon Reiterfahrungen aus ihrer Kindheit mit. Mir wurde immer mulmiger, denn zuhause nach der ersten Reitstunde mit AIDA verliefen die nächsten weniger erfolgreich, weil ich einfach im Sattel keine Sicherheit fand. Ganz anders verliefen die Reitstunden, die Horst mit mir zusammen absolvierte. Er saß von der ersten Minute an im Sattel, als ob er in seinem Leben nie etwas anderes getan hätte, als mit einem Pferd durch die Gegend zu reiten. Während ich jedes Mal mit gemischten Gefühlen zur nächsten Stunde ging, wurde seine Begeisterung fürs Reiten immer größer. Er brachte sogar das Kunststück fertig und galoppierte schon in der dritten Stunde freihändig in der Halle herum.
Wir deponierten das Gepäck in unserer Unterkunft und trafen uns wenig später an den Pferdeställen. Nun standen wir also vor den Stallungen der Ranch und draußen im eingezäunten Corral trabten munter neun Vierbeiner herum, die uns zum Teil neugierig beäugten. Welche Abenteuer würden sie wohl mit uns Neulingen zu überstehen haben? Ähnliche Gedanken gingen auch mir im Kopf herum. Aber Rolf verstand es, mir gleich in den ersten Minuten meine Ängste zu nehmen. Ruhig und völlig überzeugend erklärte er uns, dass wir uns wirklich auf seine “Banausen” verlassen könnten, denn sie wären absolut trittsicher. Was mich auch beruhigte, war die Tatsache, dass diese Yukon-Pferde nicht so groß waren wie diejenigen, auf denen ich bisher geritten war. Nach weiteren ausführlichen Erklärungen über Zaumzeug, Sattel und den Umgang mit unseren Begleitern für die nächsten Tage wurde es dann Ernst. Die Bande wartete schon ungeduldig darauf, endlich gestriegelt und gesattelt zu werden, damit wir zu unserer ersten Tagestour aufbrechen konnten. Ich spürte deutlich, dass sich meine Anspannung mit jedem Bürstenstrich immer mehr löste und auch CAT, mein vierbeiniger Begleiter bei diesem Abenteuer trug seinen Teil dazu bei. Er war ein ganz ruhiges Pferd, von dem Horst im Verlauf der Tour irgendwann mal belustigt sagte, das wäre ein “Pferd für reifere Damen”. Ich dagegen konnte kaum ernst bleiben, als sich herausstellte, dass er die nächsten Tage auf dem Rücken von BUDDY verbringen sollte. Dies musste ein ganz besonders pfiffiges Pferd sein, soviel hatten wir schon im Vorfeld von verschiedenen Seiten zu hören bekommen. Und diese Einschätzung sollte sich auch bewahrheiten. BUDDY war ein liebenswertes Schlitzohr und wir, d.h. besonders Horst, vermissen ihn noch heute.
Dann waren die Pferde gesattelt, unsere persönlichen Utensilien wie Fotoapparat, Wasserflasche und Lunchpaket in den Satteltaschen verstaut, und ehe ich mich versah, saß ich auf meinem Pferd und im äußerst bequemen Westernsattel. Vom ersten Augenblick an war das ein völlig anderes Reitgefühl als das, was ich bisher kannte. Ich fühlte mich auf meinem Pferd viel sicherer als zuhause und meine Angst war wie weggeblasen. Rolf trabte mit MAGGIE, dem einzigen weiblichen Wesen in der Pferdebande vorneweg los, wir anderen folgten ihm gemütlichen Schrittes im gebührenden Abstand: Horst auf BUDDY, ich mit CAT, Katja auf BUSTER, Frank auf RAVEN und als Letzte Franziska auf COSMO, von dem später noch die Rede sein wird.
Nachdem wir das Gelände der Ranch verlassen und die zu den Takhini Hot Springs führende Straße überquert hatten, ging es weiter durch Busch und Wald. Die Blätter an den Bäumen hatten zum größten Teil schon begonnen, ihre herbstliche Färbung anzunehmen. Die ganze Landschaft leuchtete in der Sonne in den verschiedensten Gelb-, Rot- und Grüntönen und begeisterte uns fast hinter jeder Wegbiegung aufs Neue. Nachdem wir zunächst durch einen lichten Wald und anschließend durch mannshohes Buschwerk geritten waren, brachten wir einen kleinen steilen Abhang erfolgreich hinter uns und erreichten auf einer Lichtung einen See, der zu verlanden begann. Hier machten wir kurz Rast und ließen die Pferde grasen. Auch uns tat diese Pause gut. Entgegen aller vorherigen Befürchtungen wurde nämlich nicht unser “Allerwertester”, sondern unsere Beine und nach längerem Reiten insbesondere die Leisten- und Hüftgegend strapaziert, beim einen mehr, beim anderen weniger.
Nach einer ausgiebigen Mittagspause am “Sunshine Lake”, der seinem Namen alle Ehre machte und uns mit strahlendem Sonnenschein verwöhnte, ging es wieder zurück auf die Ranch. Und jetzt zeigte sich, dass BUDDY keineswegs so harmlos war, wie er tat. Horst hatte mit ihm, wie wir anderen auch mit unseren vierbeinigen Gefährten, seinen Apfel aus dem Lunchpaket geteilt. Ich hatte CAT direkt neben BUDDY am nächsten Baum festgebunden und war gerade dabei, meine Satteltasche zu verschließen, als ich von hinten einen kleinen Schubs in den Rücken bekam und merkte, dass sich jemand an meiner Hosentasche zu schaffen machte. BUDDY war auf Inspektion, ob ich vielleicht noch etwas Fressbares dort versteckt hätte! Unser Rückweg führte uns an einem Hochplateau vorbei, von dem aus wir einen grandiosen Blick über das Takhini Tal genießen konnten. Auch das Wetter meinte es gut mit uns, es war sonnig mit nur leichter Bewölkung und angenehmen Temperaturen. Als wir spät nachmittags die Ranch erreichten und ich vom Pferd stieg, meinte Rolf mit einem Zwinkern zu mir, ich hätte mir inzwischen die Gangart von John Wayne zugelegt … Die Pferde wurden abgesattelt und bekamen eine Schüssel mit Hafer, den sie nach dem langen Ritt genüsslich verzehrten. Anschließend wälzten sie sich auf dem staubigen Boden, um ihr Rückgrat zu entkrampfen, sprangen plötzlich auf die Hufe und rannten zur Tränke. Wenig später waren sie auf der riesigen Ranch verschwunden. Sie konnten sich dort überall frei bewegen, was man an den Pferdeäpfeln auch vor dem Wohnhaus sehen konnte. Müde und geschafft vom langen Ausritt dieses ersten Tages bezogen wir unsere Cabin und genossen bei einem grandiosen Ausblick auf das Ibex-Valley bei Ingrid und Rolf das köstliche Abendessen. Irgendwann lagen wir müde und geschafft in unseren Schlafsäcken. Aus der Ferne hörte man das Heulen der Huskys von Frank Turner, der auf der gegenüberliegenden Talseite seinen Kennel hat.
2. TAG
(Inge)
Der Ausritt am nächsten Tag mit Ingrid war weitaus kürzer als der gestrige. An einem kleinen See holte uns bei einer kleinen Rast auf einmal eine andere Reitergruppe ein. Der Unterschied zu unserer war auf den ersten Blick erkennbar. Es waren keine Westernreiter, denn offensichtlich pflegten sie den englischen Reitstil, trugen entsprechende Reitkleidung von Kopf bis Fuß und die obligatorische Peitsche fehlte auch nicht. Wir ließen sie an uns vorbei reiten und Ingrid verriet ihnen auch nicht, ob der Pfad weiterführte und wohin. Sie und Rolf hatten sich mit ihren Pferden in all den Jahren mühsam selbst ein Trailnetz angelegt, dass sie nun verständlicherweise nicht einfach so fremden Reitern zu Füßen legen wollten. Wir warteten ab, bis die Gruppe im tiefen Gebüsch verschwunden war und machten uns dann auch auf den Weg.
In einem lichten Wäldchen verspeisten wir in gemütlicher Runde auf Baumstämmen unsere Lunchpakete und genossen die wunderschöne Herbstlandschaft um uns herum. Ich hatte den Eindruck, als hätten sich die Farben seit gestern schon wieder geändert und auch Franziska meinte, sie wären intensiver geworden. Als ich meinen Fotoapparat wieder in der Satteltasche verstauen wollte, machte CAT plötzlich einen Schritt nach hinten und im gleichen Augenblick wusste ich, wie schwer ein Pferd wirklich ist! Er stand mit dem linken Vorderhuf auf meinem Fuß! Zum Glück hatte ich ziemlich robuste Wanderstiefel an. Ein zwischen den Zähnen hervor gepresstes “Autsch” schallte durch die Stille, als endlich der zentnerschwere Druck von meinem Fuß nachließ.
Für den freien Nachmittag war ursprünglich ein Ausflug zu den Takhini-Hot-Springs geplant gewesen, aber niemand von uns hatte an Badezeug gedacht. Stattdessen machten Horst und ich nach der Rückkehr einen Spaziergang über die Ranch, die an einer Seite an das Ufer des Takhini grenzte. Auf dem 54 ha großen Grundstück gab es auch ein riesiges Haferfeld. Da die Jahreszeit zum Reifen des Getreides hier oben im Yukon jedoch zu kurz ist, wird das Feld am Herbstende von den Pferden abgeweidet. Ein Festmahl für die Banausen! Nach dem Abendessen packten wir noch unsere Sachen für die am anderen Tag beginnende Wildnistour zusammen und lagen bald darauf im warmen Schlafsack.
3. TAG
(Horst)
Am nächsten Morgen sitzen wir alle um den gemütlichen Frühstückstisch zusammen und jeder bemüht sich, sich die Aufregung wegen der bevorstehenden 3-Tage-Wildnistour nicht anmerken zu lassen. Lediglich die beiden Hunde sind außer Rand und Band, denn sie dürfen heute mit auf den Trip. Außerdem werden uns auch noch zwei Packpferde begleiten: PATCHES, der Boss der Pferdebande und MEADOW. Wenn man PATCHES zum ersten Mal sieht, kann man es kaum glauben, dass ausgerechnet er der Boss der Banausen sein soll: Ein kleines Pferdchen, eher einem Pony ähnlich, dem man auf dem ersten Blick keine Führungsqualitäten zutraut. Jedoch, ein Blick von ihm genügt und die Horde erstarrt in Ehrfurcht …
Das Beladen der Packpferde ist eine Wissenschaft für sich und wir machen uns erst gar nicht die Mühe, es zu verstehen, denn in drei Tagen hätten wir es sowieso nicht gelernt. Rolf ist aufgrund langjähriger Erfahrung der Meinung, dass ein Pferd nur mit ca. 40 kg Gewicht bepackt werden sollte, denn es ist für das Pferd viel schwerer, eine Last zu tragen als einen Reiter, weil die Last starr ist und im Gegensatz zum Reiter nicht mitgehen kann. Als Proviant und unsere Ausrüstung auf den Pferden fest verschnürt sind, verlassen wir gegen 10.30 Uhr die Ranch. Ingrid fährt zunächst mit den Hunden im Auto voraus bis zur Stelle, wo der Reitpfad hinter der Straße in den Wald abbiegt und lässt sie erst dort laufen. Es war zu gefährlich, die Hunde schon von der Ranch aus mitlaufen zu lassen, denn besonders Blacky scheint keine Angst vor Autos zu haben. Er rennt nur allzu gerne mitten über die Straße und versucht, vorbeifahrenden Autos in die Reifen zu beißen!
Unser Weg führt zunächst über bekannte Trails. Nach ungefähr zwei Stunden verlassen wir den Pfad, und nun geht es immer weiter hinein in die Wildnis. Es geht steile Anstiege hinauf und ebenso steile Abhänge hinab. Oftmals müssen wir uns an Steilstrecken weit nach vorne beugen und uns an den Mähnen der Pferde festhalten, um nicht runter zu fallen. Geht es bergab, ist es genau umgekehrt, dann heißt es, die Beine in den Steigbügeln nach vorne zu nehmen und den Oberkörper zurück zu lehnen. Lange Zeit reiten wir durch dichtes Strauchwerk. Von weitem ahnt man gar nicht, wie hoch die Sträucher in Wirklichkeit sind. Sie verschlucken unsere gesamte Reitgruppe!! Weder unser Vorreiter Rolf mit den Packpferden, noch der Reiter hinter dem eigenen Pferd sind zu sehen. Ein Glück, dass die Pferde den Trail kennen. Wären wir alleine, hätten wir sehr schnell die Orientierung verloren, denn oftmals beträgt die Sicht in dem Sträuchergewirr nur wenige Meter. Wie auch in den Tagen zuvor sitzen wir nicht stundenlang im Sattel, steigen unterwegs immer mal wieder ab und gehen mit den Pferden ein Stück zu Fuß. Hierbei gibt es ein Problem, denn BUDDY geht meistens an keinem Grasbüschel vorbei und versucht laufend zu fressen. Damit wir die Geschwindigkeit der Gruppe mithalten, BUDDY aber trotzdem immer mal wieder hier und da saftige Grashalme fressen kann und sich dabei nicht auf die Führungsleine tritt, haben wir beiden eine besondere Technik entwickelt, und damit klappt es, den Anschluss an die Gruppe nicht zu verlieren. Zum Lunch rasten wir auf einer kleinen Lichtung.
(Inge)
Bevor wir das Lager erreichten, hatten wir noch mal Rast gemacht und zu diesem Zeitpunkt war ich vom Reiten dermaßen begeistert und euphorisch, dass ich zu Rolf meinte, ich könnte mir durchaus vorstellen, Westernreiten zuhause weiter zu machen. Ich fand das alles höchst entspannend und das war es wirklich. Ich konnte fühlen, wie all der Stress der letzten Monate mit jedem Trab mehr von mir abfiel, wozu ganz sicherlich auch die Stille und wunderschöne Landschaft beigetragen haben. Ich war wie jedes Mal auf unseren Yukon-Reisen wieder bei mir angekommen!
Dann ging es auf zur letzten Etappe durch ein Sumpfgebiet. Das sollte die letzte Schwierigkeit für diesen Tag sein sagte Rolf. Wir sollten die Pferde einfach laufen lassen, die würden ihren Weg schon finden. Also tat ich wie geheißen. Rolf vor mir, dahinter der Pferdeboss PATCHES, dann ich und hinter mir Horst und die anderen. Rolf war durch den Sumpf, PATCHES ebenfalls, mein CAT stapfte los und schlug plötzlich mitten im Sumpf einen anderen Weg als die Pferde vor ihm ein. Ich dachte noch: “Gut, Rolf hat gesagt, die Pferde wissen, was sie tun, also wird das schon richtig sein”. Und schon stand CAT bis zum Bauch im schwarzen Modder, knickte mit den Vorderbeinen ein. “Was macht der denn da?“, dachte ich, saß aber noch fest im Sattel. Und dann schwang er sich mit einem mächtigen Satz aus dem Sumpf, ich fand keinen Halt mehr und hatte nur noch den einen Gedanken: “Wenn er jetzt umfällt, musst Du unbedingt zur anderen Seite fallen …” CAT schwankte zur rechten Seite, rappelte sich aus dem Sumpfloch hoch und ich plumpste links vom Pferd. Zum Glück war dort an der Stelle ein kleiner Grashügel, so dass ich wenigstens nicht völlig in den Matsch fiel. Passiert war mir rein gar nichts, ich war ja sanft gelandet. Horst meinte hinterher, das wäre ein Bild für die Götter gewesen: Pferd ging in die Knie und ich wäre auf einmal aus dem Blickfeld entschwunden gewesen. Und dann erst mal der Anblick von hinten! Ich hätte ausgesehen, als hätte ich die Hose voll gehabt. Ich hatte meine nasse Hose zuerst gar nicht gemerkt, da ich unter der Jeans eine Thermohose trug und die wärmte herrlich. Auch nach einem Moorbad! Rolf nahm mich sichtlich erleichtert in den Arm, als er sah, dass mir nichts passiert war. In diesen Sekunden dachte ich an meine Kanutour auf dem Big Salmon und auch das allseits bekannte Kinderlied “Hoppe, hoppe Reiter….” schwirrte in meinem Kopf herum. Irgendwie schien ich eine Sammlerin verschiedener “Fall-Versionen” zu sein: Erst Stürze vom Huskyschlitten, dann aus dem Kanu ins kalte Wasser des Quiet Lakes und nun der Plumps im Sumpf. Was würde wohl als nächstes kommen? Inzwischen hatte Horst seine verlorene Kappe aus dem Sumpf gefischt und auch die anderen hatten wieder festen Boden unter den Füßen. Es war für alle nicht einfach gewesen, durch das Sumpfgebiet zu kommen, von dem Rolf sagte, hier wäre noch nie so viel Wasser gewesen wie diesmal. Nachdem wir uns alle von meiner unfreiwilligen Sondereinlage erholt hatten und mein anfänglicher Schock dem Vorsatz Platz machte: Jetzt erst recht! - ging es weiter.
(Horst)
Bevor wir nach diesem aufregenden Tag unser Ziel erreichen, müssen wir mehrmals einen kleinen Fluss, den “Flat-Mountain River” überqueren. Rolf gibt die Losung aus, die Zügel lang zu lassen, das Pferd findet den Weg alleine. Doch er scheint BUDDY schlecht zu kennen, der säuft erst mal in aller Ruhe, um sich dann an den Grasbüscheln am Flussufer gütlich zu tun. Nur mit energischem kicken ist er schließlich bereit, das Flussbett zu verlassen. Ein schmaler Pfad schlängelt sich direkt am sprudelnden und gurgelnden Wasser entlang und dann liegt auf einmal das Camp vor uns, das Rolf und Ingrid für ihre Gäste bereits gemütlich eingerichtet hatten. Geräumige 2-Personen-Zelte sind im Wald unter den Bäumen aufgebaut. Mit ihrer leuchtend gelben Farbe inmitten der herbstlich gefärbten Blätter strahlen sie so etwas wie Behaglichkeit aus. Es gibt eine mit einer großen Plane überspannte Koch- und Grillstelle. Pferdefutter, Werkzeuge und Kochgeschirr sind ebenfalls vorhanden. Nachdem die Pferde abgesattelt sind, machen sie sich hungrig über die im Corral ausgelegten Heuballen her. Ein fehlendes Zelt wird aufgebaut und wir richten uns in unserem “Waldhotel unter Sternen” gemütlich ein. Es ist nicht nur ein Wildnis-Camp unter Sternen, es hat von der Ausstattung her auch solche verdient! Es gibt in einer Kiste versteckt unter einem Baum sogar Klappsessel, die uns an den kommenden Abenden ein heimeliges Wohngefühl am Lagerfeuer vermitteln werden.
(Inge)
Und dann kam die Krönung. Rolf bedeutete uns mit einem verschmitzten Lächeln, wir sollten ihm doch ins Bad folgen. Fragezeichen in unseren Gesichtern … Der Weg dort hin war zwar weitaus länger als von zuhause gewohnt, aber dann konnten wir uns alle ein Grinsen nicht mehr verbeißen: Mitten im Wald von der Abendsonne angestrahlt stand da ein richtiges Plumpsklo! Als Katja mit mühsamer Beherrschung forderte, die Badtür zu schließen, weil sie jetzt allein sein wolle, war es vorbei mit der Stille in der Yukonwildnis. Schallendes Gelächter hallte durch den Wald, aber wir taten ihr den Gefallen und traten den Rückzug an. Von nun an blieb der Satz: “ich geh mal eben ins Bad” ein geflügeltes Wort. Ja, dieses Camp übertraf alle unsere Erwartungen.
(Horst)
Die beiden Hunde haben es sich schon längst in der Nähe des prasselnden Feuers gemütlich gemacht. Sie sind platt, denn auf dem Weg hierher sind sie mindestens drei- bis viermal so weit gelaufen wie wir auf unseren Pferden. Manchmal waren sie weit voraus, manchmal hinter uns, oftmals sah man sie lange Zeit gar nicht. Sie lassen sich auch durch Franziska nicht stören, die inzwischen begonnen hat, das Abendessen vorzubereiten, während wir anderen die Pferde zum Fluss führen, damit sie ausgiebig trinken können. Irgendwann sitzen wir alle hungrig in den gemütlichen Sesseln um das Lagerfeuer herum. Zum Abendessen gibt es Bohnen mit Fleisch und Reis (Wagon-Boss Chili), angeblich ein einfaches Cowboy-Essen. Doch ich kann mir nicht vorstellen, dass die Cowboys früher wirklich so gut gegessen haben! Vermutlich war das Verhältnis Fleischanteil zu Bohnen damals 1:9. Heute Abend dagegen war es eher 9:1. Es schmeckt köstlich. Selbst Nachtisch fehlt nicht in unserem Wildnis-Gourmet-Restaurant!
Nach dem Essen wird abgewaschen und alle Lebensmittel werden in geruchsicheren Behältern verstaut. Dort hinein kommen später auch unsere Beutel mit Zahnpasta und sonstigen Utensilien, die irgendeinen Duft abgeben könnten. Rolf weist auch noch mal extra darauf hin, keinerlei Lebensmittel mit ins Zelt zu nehmen, wenn wir keinen nächtlichen Bärenbesuch riskieren wollen. Und wer will schon mitten in der Nacht in seinem Schlafsack unsanft aus seinen Träumen gerissen werden? Die ausgebrannten Blechdosen nehmen wir wieder mit zur Ranch zurück, während Verpackungen verbrannt werden. Nach dem Abendessen werden die Pferde nochmals zum Fluss geführt und getränkt. Danach sitzen wir noch bis 23°° am knisternden Lagerfeuer, bevor uns die Kälte in die Schlafsäcke treibt. Nun werden auch die Hunde angeleint, was den beiden überhaupt nicht gefällt. Wären Wölfe oder Bären in der Nähe, und wir haben unterwegs entsprechende Spuren und Kothaufen gesehen, würden sie denen sofort hinterher rennen. Doch insbesondere Wölfe mögen keine Hunde und sind außerdem erheblich stärker. Sie würden die Hunde töten. Rolf hat zur Sicherheit aber außerdem noch ein Gewehr dabei. Müde sinken wir in die Schlafsäcke.
Was hat Inges skeptischer Blick zu bedeuten, den sie mir noch zuwirft, bevor sie im Schein der Taschenlampe den Reißverschluss ihres Schlafsackes bis zum Kinn hoch zieht? Ach so: Meine erste Nacht in der Wildnis und meine erste Zeltübernachtung überhaupt in meinem Leben!
4. TAG
(Horst)
Wider Erwarten haben wir sehr gut geschlafen, nur der Regen hat uns einmal geweckt. Die Temperaturen sind höher als gestern Abend. Rolf und Franziska sind schon auf, haben Feuer gemacht und sind dabei, das Frühstück zuzubereiten. Nach unserer Morgentoilette werden die Pferde getränkt, dann versammeln wir uns in der “Küche” zum Frühstück. Rolf hat heute Morgen Pfannekuchen gebacken, die vorzüglich schmecken. Daneben gibt es Brot, Käse, Wurst, Marmelade, Tee, Kaffee, Kakao, Müsli - alles vorhanden!
Nach dem Frühstück und Aufräumen im Camp werden die Pferde gesattelt. Rolf und Franziska müssen uns noch immer mit Rat und Tat zur Seite stehen. Es ist merkwürdig, dass ich mir von einer jungen Frau, die meine Tochter sein könnte, beim Satteln helfen lassen muss. Früher in den Wildwestfilmen hat das alles so einfach ausgesehen. Da hätte sich niemals ein Cowboy oder Revolverheld sein Pferd von einer Frau satteln lassen. Tja, die Zeiten haben sich geändert.
An diesem Morgen müssen wir unsere Regensachen überziehen. Es regnet zwar nicht mehr, aber Sträucher, Büsche und Bäume sind nass und die Regentropfen hätten unsere Kleidung bei unserem Ritt durch die Wildnis innerhalb kürzester Zeit völlig durchnässt. Wir werden heute einen Tagesritt machen und abends wieder ins Camp zurückkehren, deshalb werden wir die beiden Packpferde PATCHES und MEADOW auch zurück lassen.
Die Pferde sind heute Morgen sehr unruhig und knuffen sich ständig gegenseitig. Vielleicht hat es nachts aus irgendwelchen Gründen Streit im Corall gegeben. BUDDY ist augenscheinlich auch nicht in bester Laune, denn er zwickt mich aus nicht nachvollziehbaren Gründen auf einmal ins Bein. Ich habe keine Ahnung, was ich falsch gemacht habe, vielleicht waren die Streicheleinheiten auch nur nicht ausgiebig genug. Als wir eine große Kiesbank überqueren, kommt plötzlich im Galopp aus dem Gebüsch PATCHES angetrabt. Irgendwie hat er es geschafft, unter dem Elektrodraht des Corrals zu entwischen. Rolf beschließt, ihn einfach so mitlaufen zu lassen und mit einem triumphalen Ausdruck im Pferdegesicht galoppiert PATCHES an der gesamten Reitergruppe vorbei und setzt sich direkt hinter Rolf an die Spitze unserer Karawane.
Nach der Mittagsrast erreichen wir wenig später ein Seitental an der Minors Range. Zuvor führt der Trail aber noch über einen Schwindel erregenden Pfad mit einer ebensolchen Aussicht auf die wunderschöne Landschaft, die in leuchtenden Herbstfarben nun bei strahlend blauem Himmel vor uns liegt. Nach dem bisher steilsten und schmalsten Anstieg auf dieser Tour, bei dem es äußerst wichtig ist, sich ganz fest in der Pferdemähne festzukrallen, um nicht runter zu fallen (rechts und links geht es ca. 50 m steil bergab!), liegt dann ein ganz schmaler Bergrücken vor uns, den wir vorsichtig auf dem nur maximal 60 cm breiten Pfad überqueren. Inge ist etwas blass um die Nase. Ihr steckt wohl doch noch der Schreck vom gestrigen Sturz in den Knochen.
Als wir nach einer Weile das Plateau am Pilot Mountain erreichen, sind wir nicht alleine. Rolf trifft dort oben ein befreundetes Ehepaar. Die beiden haben ein Fernrohr aufgebaut und beobachten damit Dallschafe am gegenüberliegenden Hang. Obwohl die Tiere weiß sind, kann man sie mit dem bloßen Auge nicht erkennen und auch mit einem normalen Fernglas sieht man nicht mehr als sich bewegende weiße Punkte. Die Freunde von Rolf tragen an den Beinen Lederkleidung, sogenannte Chaps. Früher habe ich das immer für Angeberei gehalten. Heute dagegen weiß ich, dass dieser Schutz notwendig ist. Manchmal werden die Beine von Zweigen oder Sträuchern aus den Steigbügeln nach hinten gerissen, und nur die Tatsache, dass wir hohe und gut gefütterte Wanderstiefel anhaben, hat uns vor Verletzungen bewahrt.
Wir verspeisen bei traumhafter Aussicht auf die vor uns liegende bunte Landschaft unser Lunchpaket. Leider kommen heute die herrlichen Farben nicht so richtig zur Geltung, weil sich inzwischen die Sonne hinter dicken Wolken versteckt hat. An diesen wunderschönen Ort kommt man nur auf dem Pferderücken oder nach einer sehr langen Wanderung. Natürlich sind auch die Hunde hungrig und gehen auf die Jagd. Frosty kommt wenig später mit einem Kaninchen an, das er zur Hälfte frisst. Die andere Hälfte vergräbt er unter einem Strauch in einem tiefen Loch, scharrt Erde darüber und stampft mehrmals energisch nach, damit kein Geruch nach außen dringt und womöglich Blacky seine Beute stibitzt. Nach einer Stunde Rast machen wir uns wieder auf den Rückweg.
Ich beobachte die anderen Reiter, um zu sehen, was ich selbst noch falsch mache. Warum hat BUDDY mich heute Morgen wohl gezwickt? Wahrscheinlich habe ich die Zügel zu stramm gehalten und ihm damit wehgetan. Doch seine Rache sollte erst noch kommen. Weil Inge vom Sturz am Tag zuvor noch etwas ängstlich ist, gehen wir diesmal die steile und sehr schmale Passage über den Bergrücken zu Fuß runter. Ein Fehler, wie mir scheint, denn die Pferde gehen hier wesentlich sicherer als die Reiter. Gott sei Dank geht alles gut. Kurz bevor wir das Camp erreichen, schlägt Buddys Stunde. Er verzögert auf einmal das Tempo und tut so, als würde er fressen. Doch auf dem Boden wachsen nur Pflanzen, die er sonst immer verschmäht hat. Ich blicke nach vorne und sehe in ca. zwanzig Meter Entfernung einen Baum in gut einem Meter Höhe über dem Trail liegen. Danach führt der Weg den Abhang hinauf. Ich ahne, was mir jetzt bevorsteht und versuche im Schnelldurchgang die Lehren meines heimischen Reitlehrers auf dem Heidehof hervor zu kramen, denn BUDDY hat offensichtlich vor, dieses Hindernis im schnellen Galopp zu nehmen! Kurz nachdem Rolf und PATCHES, der Mitläufer, im Gestrüpp verschwunden sind, galoppiert BUDDY tatsächlich los. Weder das Ziehen der Zügel noch die laut gebrüllten Worte “Wow” was soviel heißt wie “stehen bleiben”, können ihn von seinem Vorhaben abbringen. BUDDY springt über den Baumstamm und galoppiert im schnellen Tempo den Abhang hoch. Bevor auch er dann im Gebüsch verschwindet, dreht er kurz den Kopf. Ich glaube, er grinst! Rolf hat von all dem nichts mitbekommen, aber hinter mir höre ich Inge und Katja kichern. Schon zwei Tage vorher hat Rolf versucht mir klar zu machen, dass ich das Pferd kontrollieren soll und nicht das Pferd mich. Tja, niemand hört auf mich! Weder die Katze zuhause, noch die eigene Ehefrau, die Hunde nicht und BUDDY erst recht nicht!
Wenig später meint er, mir noch mal klar machen zu müssen, wer der eigentliche Boss von uns beiden ist. Nachdem wir ein langes Kiesbett mit zahlreichen Tierspuren überquert haben, stehen wir auf einmal vor einem steilen Abhang, der hinunter zum Fluss führt, durch den wir durch müssen. Ein großer, vom Wasser glatt geschliffener Felsbrocken begrenzt den Trail und Rolf bedeutet uns, langsam und vorsichtig rechts daran vorbei zu reiten, dabei Beine im Steigbügel nach vorne und den übrigen Körper zurücklehnen. Das ist ja auch alles kein Problem, zumal wir das schon öfters gemacht haben. Aber dann nimmt BUDDY plötzlich Anlauf, galoppiert genau über den glatten Fels, statt daran vorbei und nimmt einen völlig anderen Kurs als die übrigen Reiter, weil er am Ufer mal wieder etwas Fressbares entdeckt hat. Ich denke nur noch: „Das war´s, jetzt steigst Du ab, und das mitten im Fluss“. Aber es geht gut, und BUDDY weidet erst mal in aller Seelenruhe die köstlichen Pflanzen ab. Was Inge hinter mir gedacht hat, kann man an ihrer blass gewordenen Nasenspitze ablesen …
Am frühen Abend erreichen wir wieder unser Camp. Diesmal ist alles einfacher, weil jeder inzwischen weiß, was zu machen ist. Franziska kümmert sich um das Abendessen, die anderen tränken und füttern die Pferde. Heute Abend gibt es einen anderen leckeren Cowboyeintopf, diesmal mit weißen Bohnen und Hackfleisch. Es schmeckt wieder einmal köstlich. Auch auf Nachtisch müssen wir nicht verzichten. Nach dem Essen sitzen wir am knisternden Lagerfeuer in gemütlicher Runde und reden über dies und das. Frank und ich machen zwischendurch noch etwas Brennholz. Auch kommt eine kleine Diskussion auf, wie breit die Passage vor dem Plateau heute wirklich war. Einen Meter war sie nicht, einen halben Meter aber sicher. Wir einigen uns dann auf einen guten halben Meter. Dieser Teilabschnitt hat scheinbar bei allen seine Eindrücke hinterlassen. Irgendwie sind wir alle heute alle etwas geschafft, und außerdem fängt es jetzt auch an zu regnen, so dass wir uns bald in unsere Zelte verziehen.
5. TAG
(Horst)
Wir schlafen tief und fest, nur einmal weckt uns nachts ein Regenschauer. Am anderen Morgen wachen wir zeitig auf, können uns jedoch nicht überwinden, aus dem kuschelig warmen Schlafsack zu kommen. Im Nachbarzelt hören wir bei Katja und Frank auch noch Gemurmel. Die beiden haben scheinbar die gleichen Schwierigkeiten wie wir. Wenig später klopft einer der Hunde mit dem Schwanz energisch gegen unser Zelt, ein eindeutiges Zeichen, dass die Nacht für uns zu Ende ist. Wir steigen in unsere kalte Kleidung und machen unsere Morgentoilette am Fluss. Nach einem ausgiebigen Frühstück am wärmenden Feuer geht es daran, die Sachen zusammen zu packen, denn heute reiten wir wieder zurück auf die Ranch. Die Regenwolken des gestrigen Abends und der vergangenen Nacht haben sich ganz verzogen und einem strahlend blauem sonnigen Herbsthimmel Platz gemacht. Die Zelte bleiben stehen für die Abenteurer, die noch nach uns kommen. Wir fegen sie sauber aus, alles andere wird in Aluboxen sicher verstaut. Nach dem Putzen und Satteln der Pferde werden auch die beiden Packpferde wieder bepackt. Sie werden nicht an der Leine geführt, sondern laufen einfach frei in der Gruppe mit, PATCHES selbstverständlich immer voran.
Mit Rolf zusammen reite ich ein Stück voraus, weil wir einen guten Platz finden wollen, wo ich beim Überqueren des Flusses unsere Reitgruppe fotografieren will. Rolf und Franziska haben heute die Pferde getauscht. Franziska ist Cosmos Marotten leid, und so reitet sie vorne und Rolf als Schlusslicht hinterher. Mittags machen wir bei strahlendem Sonnenschein Rast auf einer großen Wiese, wo die Pferde zum Grasen frei herumlaufen dürfen. Und hier liefert COSMO dann ein Schauspiel der besonderen Art ab, so dass uns völlig klar wird, was Franziska heute Morgen gemeint hat, als sie von Marotten sprach. Wir haben kaum unsere Lunchpakete aus den Satteltaschen geholt, als COSMO die Verfolgung aufnimmt. Besonders Inge scheint er aufs Korn genommen zu haben. Sie versucht, die Tüte mit dem leckeren Apfel und dem Sandwich hinter dem Rücken zu verstecken. Weil er nun nicht mehr ohne weiteres an die Leckereien kommt, versucht er einfach, sie umzustoßen, und Inge flüchtet. COSMO ist schneller und hat sie bald eingeholt und das Spiel beginnt von vorne. Nach dem dritten Versuch ist Rolf es leid und bindet ihn am Baum fest. Wir lassen uns wieder im Gras nieder und genießen Sonne und die milden Temperaturen. Plötzlich spürt Inge einen heißen Atem im Genick und springt erschreckt auf. Aus dem Hinterhalt hat sich COSMO herangeschlichen und startet den nächsten Angriff auf ihr Mittagessen. Er ist der Entfesselungskünstler der Banausen. Kaum ein Knoten ist vor ihm sicher. Auch dieser hier hat seinem Ausbruchsversuch nicht lange standgehalten…
Wir reiten weiter und erreichen bald einen kleinen See mit einem breiten sandigen Rand. Als die Packpferde das Wasser entdecken, traben sie los, um zu saufen. Die anderen Pferde laufen kurzerhand hinterher. Rolf erkennt auf den ersten Blick die gefährliche Situation und gibt klare und unmissverständliche Anweisungen an alle. Mit energischem Kicken und Ziehen an den Zügeln bringen wir unsere Pferde zurück auf den Trail. Rolf ist inzwischen abgestiegen, hat sein Pferd festgebunden und rennt den beiden Packpferden hinterher. Kurz vor dem Seeufer erreicht er sie und führt sie zurückl. Erst jetzt wird uns klar, dass wir hier in große Schwierigkeiten hätten geraten können, wenn die Tiere im Treibsand eingesunken wären.
Nach diesem aufregenden und auch gefährlichen Zwischenspiel werden die Hunde angeleint, denn in einiger Zeit müssen wir eine Straße überqueren. Rolf gelingt es, Frosty an die Leine zu legen, Blacky jedoch lässt sich nicht mehr blicken, sondern läuft ab sofort weit voraus, wo er die Rufe Rolfs nicht mehr hören kann. Schlauer Hund! Kurze Zeit später erreichen wir die Straße und es kommt, was kommen musste. Blacky rennt trotz eines herannahenden Autos mitten auf die Straße. Der Fahrer hat inzwischen auf Schritttempo herunter gebremst, als Blacky versucht, in die Reifen zu beißen, was allerdings misslingt. Wir überqueren so schnell wie möglich die Straße, um Blacky aus der Gefahrenzone zu lotsen. Er und Frosty kamen über das Tierheim in Whitehorse zu Rolf und Ingrid auf die Ranch. Frosty und seine sämtlichen Wurfgeschwister wurden auf der Müllkippe der Stadt ausgesetzt. Alle Hunde sind erfroren, er hat als Einziger überlebt. So kam er zu dem Namen “Frostbite” oder kurz “Frosty”. Dieser Fall hatte auch in den Zeitungen von Whitehorse für großes Aufsehen gesorgt. Beide Hunde wissen, dass sie es gut haben auf der Ranch, sie sind sehr treu, waren nie bösartig und sehen auf der Ranch immer nach dem Rechten. Die beiden würden ihr Leben geben, wenn Ingrid und Rolf einmal in Not geraten sollten.
Auf der Ranch angekommen, müssen wir den Nebeneingang benutzen, denn Ingrid ist auf dem Weg, neue Gäste in Mayo abzuholen und hat wegen ihrer Abwesenheit das Haupttor verriegelt. Der Weg zum Nebentor ist sehr staubig, offensichtlich hat es hier in Whitehorse nicht geregnet. Der mehlfeine Staub legt sich über uns, wir schmecken ihn auf der Zunge. Mitten im Haferfeld steht ein großer Hirsch, der uns misstrauisch beobachtet. Als wir die Stallungen erreichen und vom Pferd steigen, umarmt Rolf Inge und mich und meint schmunzelnd: “Wir haben es überlebt”. Dabei haben wir uns nie gefährdet gefühlt. Wir leeren noch die Satteltaschen, die Pferde bekommen einen Topf mit Hafer, wälzen sich im Staub und rennen zur Wasserstelle. Als erster säuft PATCHES, der Boss. Alle anderen warten geduldig, bis sie an der Reihe sind. Inzwischen ist Ingrid mit den neuen Gästen eingetroffen, die uns freundlich begrüßen und von ihrer Kanutour in den Northwest Territorys erzählen.
Spät am Abend gehe ich noch einmal zu den Stallungen, um mich von BUDDY zu verabschieden. Doch die Pferde sind weit über die Ranch verstreut. Im Gebüsch sehe ich auf einmal MEADOW, als plötzlich auch RAVEN auf der Bildfläche erscheint und scheinbar Streit mit ihm sucht. Im letzten Moment sieht RAVEN dann PATCHES im Unterholz auftauchen. Sofort dreht er ab und frisst woanders. Tja, der Blick von PATCHES ist wohl absolut Gesetz.
Hier auf der Ranch und bei unserem Pferdeabenteuer haben wir einen kleinen Einblick in die Welt der Pferde bekommen. Es sind wundervolle Tiere, wenn man sie richtig behandelt. Die hinter uns liegende Tour ist von wenigen schwierigen Stellen unterwegs abgesehen auch für Anfänger (die wir ja waren) geeignet, denn die Pferde sind absolut trittsicher und sehr ruhig, aber man sollte nie den Respekt vor ihnen verlieren. Natürlich hat jedes Tier seinen eigenen Kopf und seine „Marotten“ und man muss sich darüber klar sein, dass wie bei allen anderen Abenteuertouren ein gewisses Restrisiko immer bleibt. Hilfreich ist es sicherlich, wenn man eine gewisse sportliche Fitness mitbringt und als absoluter Reitanfänger vorher ein paar Reitstunden nimmt.
Schon am nächsten Tag, als wir zu unserer kleinen Rundreise durch den Yukon aufbrechen, wird uns klar, wie sehr wir die ganze Bande vermissen. Noch oft werden wir später zuhause sitzen und von unseren Erlebnissen erzählen. |
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